Otl Aicher war einer der großen deutschen Gestalter des 20. Jahrhunderts. Wir haben uns nicht nur dafür eingesetzt, dass endlich in München eine eigene Straße nach ihm benannt ist. Er hat in seinem Aufsatz "greifen und begreifen" für FSB 1987 einige Gedanken formuliert, die gerade im Kontext unserer Tätigkeit nach wie vor große Bedeutung haben.
(Der nebenstehende Text ist bewusst ohne die – von Otl Aicher als unnötig und imperialistisch abgelehnten – Großbuchstaben gesetzt.)
greifen und begreifen
die relationen zwischen denken und körperlichkeit sind so eng, daß das, was im denken geschieht, vornehmlich in der sprache der hände beschrieben wird. geist ist offenbar nicht so sehr in der transzendenz angesiedelt als in der hand. weil die hand greifen kann, kann auch das denken begreifen. weil die hand fassen kann, erfassen wir auch etwas in unserem kopf. weil die hand etwas vor uns hinstellen kann, können wir auch etwas durch denken darstellen. weil die hand legen kann, legen wir auch im denken etwas dar. und wir legen nicht nur dar, wir überlegen, wir legen aufeinander, übereinander. wir stellen nicht nur fest, wir stellen auch auf, eine neue these zum besipiel. wir begreifen nicht nur, wir erfassen nicht nur, wir befassen uns mit etwas, wir wenden und drehen etwas und gelangen schließlich zu einer auffassung.
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gerade wer rationalität als eine tugend versteht, setzt sie wieder ein in das körperliche beziehungsfeld des sehens und machens. gerade wem es um geist geht, der bemüht sich um körperlichkeit. es gibt anzeihen dafür, daß man die welt wieder begreifen will. der geist ist nicht mehr in der transzendenz angesiedelt. denken ist nicht mehr so sehr formalisierte logik, nicht mehr digitalisierbares alkül als vielmehr der versuch, etwas zu erfassen.
Auszug aus otl aicher, »greifen und begreifen«, in greifen und griffe, köln 1987